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BL: Toni, stell dich doch bitte unseren Lesern vor.
TS: Ich wurde in einer kleinen Stadt in South-Carolina geboren, in Greenwood, und dort lebte ich, bis ich siebzehn Jahre alt war. Mit meinem Bruder sang ich zusammen bereits ca. 8 Jahre bei den "Spearman Singers", danach ging ich nach Washington, D.C., wo ich bei meiner Tante und bei meinem Onkel lebte. Dort sang ich beim New Beterney Baptist Choir, W.D. Ich habe natürlich sehr viel Gospel gesungen, das ist schließlich in meinem Blut und in meinem Herzen, bis zum heutigen Tag.
BL: Du wurdest doch sicherlich durch deinen Vater beeinflußt?
TS: Ja, aber ich wurde vor allem auch beeinflußt von meinem Großvater und meiner Großmutter. Mein Großvater war Bischof und der Bruder meines Vaters war Baptisten-Pfarrer. Mein Bruder ist jetzt Baptisten-Pfarrer. Als kleines Mädchen wollte ich schon Blues singen, aber es wurde mir nicht erlaubt, du weißt schon, wegen der Kirche.
BL: Aha, "The devil's music".
TS: Ja, richtig. Aber wenn ich alleine war, dann sang ich trotzdem Blues. Ich hörte gerne Koko Taylor und Little Esther Phillips. Ich habe, wie schon gesagt, trotzdem Blues gesungen, und als ich dann alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen, da sang ich Blues, denn das ist genau das, was ich machen möchte. Dann ging ich nach New York und sang Blues in New York. In Long Island, im "Highway Inn" habe ich Blues gesungen.
BL: Wann bist du nach New York gekommen?
TS: Ich war achtzehn Jahre alt. Das war auch die Zeit, wo ich so richtig den Blues zu singen begann. Dann kam ich zum Militär. In New York lebte ich bei einer Schwester meiner Mutter. An sich konnte ich zu dieser Zeit nicht auftreten. Ich arbeitete zwar beim Militär zusammen mit einer Band, aber wir konnten nicht richtig auftreten, wegen der Dienstzeit. Erst war ich in Massachussetts und dort ging ich auf die Polizeischule und von dort aus kam ich mit der Militärpolizei nach Deutschland. Ich war in Augsburg stationiert und in meiner Freizeit machte ich Musik. Nach der Armee ging ich zuruck in die Staaten, entschloß mich aber, wieder nach Deutschland zu gehen und hier Musik zu machen, denn während meiner Militärzeit hatte ich eigentlich ein Schlüsselerlebnis, welches in mir den Wunsch, wieder Musik zu machen, bestätigte: Während meiner Zeit beim Militär habe ich mein Saxophon verkauft...
BL: Du spielst Saxophon?
TS: Ja. Wie gesagt, ich habe es verkauft und dann hatte ich Geburtstag und Norma, meine heutige Managerin, ging mit mir in einen Musikladen und schenkte mir zum Geburtstag ein neues. Das war eigentlich der auslösende Moment,um wieder Musik zu machen. Ich versuchte, wieder eine Band zu finden, mit der ich proben konnte und ich fand auch eine. Ich sang in einem Club in München, "Robinson", und dort hörte mich der Mundharmonikaspieler der "Wetsox", kam zu mir und fragte mich, ob ich nicht bei der Gruppe singen möchte. Ich sagte nein, denn schließlich bin ich ja bei dieser anderen Band, aber er gab nicht auf und er kontaktierte mich mehrmals innerhalb eines Jahres. Meiner Meinung nach sollte man nicht ununterbrochen wechseln, wenn man schon einmal bei einer Band ist, aber dann habe ich mir gedacht, ich könnte ja einmal mit den "Wetsox" eine Session machen und nach dieser Session habe ich mich dann entschlossen, bei den "Wetsox" zu bleiben und seit damals bin ich eben mit ihnen zusammen, alles klappt wunderbar zusammen, fur den Blues. Ich arbeite sehr gerne mit ihnen und, ich meine, die "Wetsox" sind meine Band, obwohl man schon immer flexibel sein sollte, doch im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, daß ich mich für eine andere Band entschliessen könnte. Wie gesagt, sie spielen den Blues, wie ich ihn fühle; der Gitarrist William, wenn er den Blues spielt, dann weiß er ganz genau, was ich fühle und kann dies auch in Töne umsetzen. Er kann es spielen und ich kann es singen, denn wir verstehen einander. Was ich hoffe ist, daß wir den Weg gemeinsam gehen können. Ein großer Einschnitt in meinem Blueslife war das Zusammentreffen mit Aron Burton, ich denke ich habe einen zweiten Bruder gefunden. Als Aron Burton nach München kam, hat mich ein Freund, George Green angerufen und gesagt, da ist jemand da, der hat von dir gehört und möchte dich gerne treffen, und ich fragte, wer ist das?, aber er sagte, das sage ich dir nicht, komm zu mir und du wirst schon sehen. Da ging ich hinüber zu George und er stellte mich Aron Burton vor. Aron erzählte mir, daß er schon viel von der Blueslady Toni Spearman gehört hätte, und er kam nach München, damit er mich hier treffen könnte. Aron spielte in einem Club in München, "Bei Susan", und lud mich ein als "special guest" und er fragte mich, was ich darüber denke, mit ihm eine Platte aufzunehmen. Ich sagte ja, das wäre ganz okay, und jetzt warten wir auf einen Studiotermin, denn die Studios sind ziemlich ausgebucht. Sobald wir diesen Termin bekommen, werden wir eine Platte aufnehmen und nächstes Jahr im Februar oder März gehen wir nach Chicago und möchten in den Staaten eine LP machen, wahrscheinlich bei Rooster Records. Ich wollte auch noch sagen, vom RTA-Radio in Kempten, Kaufbeuren wurden von uns Live-Aufnahmen gemacht.
Wir waren vier Stunden dort, die machten ein Vier-Stunden-Band zusammen mit den "Wetsox". Eigentlich wollten sie nur maximal zehn Songs von uns aufnehmen, aber es hat ihnen dann so gut gefallen, daß sie die ganze Show aufgenommen haben.
BL: Möchtest du auch zusammen mit den "Wetsox" eine Platte einspielen?
TS: Ja, selbstverständlich, denn die "Wetsox", das ist ja schließlich meine Bluesband, wenn die LP mit Aron gemacht ist, wird sicher die Zeit dazu kommen.
BL: Wenn du also nach Chicago gehst, dann wirst du sicherlich wieder zurück kommen?
TS: Sicher, es ist auch möglich, daß ein Teil der "Wetsox" mit mir nach Chicago fliegt, es kommt auf die Veranstaltung an.
BL: Du möchtest also nicht für immer in den Staaten bleiben?
TS: Ich kann jederzeit nach Hause gehen, aber ich möchte im Augenblick gerne in Europa bleiben, es gefällt mir hier. Vielleicht in ein paar Jahren, daß ich dann wieder zurück gehe. Es kommt einfach darauf an, aber solange ich in Europa den Blues singen kann und solange ich Norma habe, die eine echt gute Freundin ist, solange möchte ich bleiben. Eigentlich muß ich Norma, meiner Managerin, danken, denn sie war der ausschlaggebende Moment, daß ich wieder Musik mache.
BL: Bist du schon in anderen europäischen Staaten aufgetreten?
TS: Nein. Es ist ja hier in Europa nicht so wie in den Staaten, daß man einfach über die Grenze gehen kann und spielen, es ist alles sehr viel komplizierter. In den Staaten, da gehst du einfach über die Grenze und spielst, aber hier, da brauchst du Vorbereitungen und das ist nicht so einfach, aber ich versuche, das jetzt auch hinzukriegen. Man muß halt jetzt eben einfach abwarten und sehen, wie sich alles abwickelt. Ich würde gerne in die Staaten gehen, aber ich möchte jederzeit wieder nach Europa zurückkommen und hier Musik machen. Ich möchte eigentlich überall in der Welt meine Musik machen können. Die erste Möglichkeit in einem anderen europäischen Land zu singen kommt jetzt mit Aron durch euch von Blues Life in Wien.
BL: Blues singen ist also jetzt dein richtiger Job?
TS: Ja. Am 2. November machen wir in München eine Show und spielen mit Luther Allison. Das ist ein Auftritt, auf den ich mich schon sehr freue!
BL: Hast du in Europa schon Bluesmusiker aus den Staaten getroffen?
TS: Als ich Louisiana Red traf, das war richtig schön für mich. Er erzählte mir eine ganze Menge auf die ich achten sollte, denn manchmal, wenn du singst, dann versucht man nur, die Leute zu beeindrucken, und er erklärte mir, man sollte immer sich selbst bleiben. Seit ich in Europa bin, habe ich sehr sehr vieles anders erlebt. In den Staaten ist das ganz anders als hier, dort gehst du auf die Bühne und kannst alles sagen, was du willst und singen, was du willst, die Leute werden dich verstehen. Aber in Europa mußt du sehr vorsichtig sein, vorallem damit, was du sagst, denn manchmal sagst du etwas und irgend jemand versteht es dann vollkommen falsch. Jetzt versuche ich, auch das zu kontrollieren.
BL: Du hast doch sicher schon ein Stammpublikum?
TS: In München habe ich ein sehr großes gutes Publikum, eigentlich kann ich sagen, im ganzen Süden von Deutschland. Als Beispiel: Wir spielten in Aschaffenburg und dort machten sie von uns ein live Video. Das war ganz super, dort waren vielleicht 2.000 bis 3.000 Leute, das war eine Veranstaltung von Freitag bis Sonntag und man schätzte ca. 8.000 bis 9.000 Leute! Ich bin ständig "On the road", bis jetzt habe ich immer das Gefühl, daß die Konzerte erfolgreich sind.
BL: Und wie verstehst du dich mit Aron Burton?
TS: Wenn ich mit Aron singe, so ist das ganz prima, wir brauchen nicht zu reden, es genügt schon, wenn wir uns ansehen. Ich weiß was er macht und er weiß was ich mache. Bei Aron ist es so, er sieht mich an und sagt "Okay, you got it". Ich habe schon sehr viel von Aron gelernt. Man kann immer lernen. Weißt du, wenn Leute schon über zwanzig Jahre Musik machen wie z.B. Aron, von denen kannst du unheimlich viel lernen.
Ich hatte die Gelegenheit, Queen Sylvia (Embry) zu treffen und mit ihr zu sprechen und auch sie hat mir sehr viel über den Blues erzählt. Ich bin von diesen Leuten sehr beeindruckt. Queen Sylvia singt ja jetzt Gospel und wenn sie es will, dann soll sie niemand daran hindern. Ich singe auch immer noch Gospel, das kommt immer wieder zu mir und ist immer da, auch bei Auftritten singe ich gelegentlich Gospel. Vielleicht wird Queen Sylvia eines Tages wieder Blues singen, ich hoffe es sehr. Ich habe auch Carey Bell getroffen und das habe ich sehr genossen, Carey Bell ist richtig "funny". Mit Jimmy Rodgers konnte ich über Blues sprechen und mit Sparky Rucker und auch mit Champion Jack Dupree und alle diese Leute, sowie auch Aron Burton, die haben immer Zeit für dich, mit dir zu sprechen, sie nehmen sich einfach die Zeit dazu und gerne. Diese Leute werden nie sagen "Ich habe keine Zeit", diese Leute bewundere ich wirklich. Sie verstehen dich und möchten gerne mit dir reden und dir auch helfen, denn sie begreifen, daß du vielleicht gerade dabei bist, dir in Europa etwas aufzubauen.
BL: Was du da vorhin über das Lernen gesagt hast, das finde ich sehr schön. In Europa hat man manchmal das Gefühl, die Leute meinen, sie hätten schon alles gelernt und bräuchten nichts mehr dazulernen.
TS: Schon meine Großmutter sagte "You're never too old to learn" und von Leuten wie Aron Burton, der einige Jahre älter ist als ich, oder Queen Sylvia, die etwa in meinem Alter ist, aber schon viel länger in der Szene, von diesen Leuten kann man viel lernen. Louisiana Red, der wie ein Vater zu mir ist, erklärt mir auch einiges und sagt "Ich möchte, daß du dies oder das tust aber, vergiß das nie, bleib immer du selbst, du bist die Blueslady Toni Spearman und “be yourself". Das ist, was du von den Bluesleuten lernst, "always be yourself!". Auch Champion Jack Dupree sagte mir, "Versuch ja nicht, jemand anders zu sein. Versuch nicht, Koko Taylor zu sein oder Margie Evans. Du bist die Blueslady Toni Spearman und das solltest du niemals vergessen, auch wenn du manchmal damit verglichen wirst."
BL: Das ist ja auch sehr wichtig für die Selbstsicherheit.
TS: Ja, das ist richtig. Auch wenn ich harte Zeiten habe, ich lasse mich nicht unterkriegen, denn ich weiß, ich werde immer meinen Weg gehen und ich versuche, mich selbst wieder in die Höhe zu bringen und mit Norma's Hilfe geht's natürlich noch besser, und ich glaube, wir sind auf dem besten Weg. Sie sagt mir immer, geh deinen Weg welter, immer die gerade Linie, sie führt zum Ziel und das hilft mir sehr, denn ich weiß, wenn ich eine Pause gemacht hätte, dann wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Da gibt es doch diesen Song "You can make it if you try" und ich versuche es und weiß, daß ich es einesTages wirklich schaffen werde, denn in Verbindung mit Aron habe ich ein gutes Gefühl.
BL: Machen wir jetzt einen Abstecher zu Aron Burton. Wann hast du begonnen, den Baß zuspielen?
AB: Ich begann damit 1963. George Green und ich, wir hatten damals eine Band. Ich war der Sänger, George spielte Klavier. Sechs Monate später verließen der Schlagzeuger und der Bassist die Gruppe und George übernahm das Schlagzeug und ich den Baß. In dieser Formation spielten wir bis 1965. Nicht gerade Blues, eher Soul und ein bißchen Blues. Das war während meiner Armeezeit in München. 1965 ging ich in die Staaten zurück und dort spielte ich in Chicago weiter in Clubs am Baß.
In die Clubs kamen natürlich viele Leute, die dann mitgespielt haben, z.B. Otis Rush, aber ich glaube, der erste ganz ganz "richtige" Bluesler, mit dem ich zusammengespielt habe, war Earl Hooker. Das war das erste Mal, daß ich in einem Club richtigen Blues mit einer richtigen Blues-Persönlichkeit gespielt habe. Aber ich dachte mir, wenn Earl Hooker sagt, ich bin am Baß okay, dann bin ich auch okay. Und von da an habe ich eigentlich überall auf der ganzen West-Side gespielt. EinesTages kam Junior Wells und fragte mich, ob ich nicht bei ihm spielen wolle und 1969 machten wir eine East-Coast-Tour. In der vorhergegangenen Zeit in Chicago babe ich nicht ausschließlich Blues gespielt, sondern auch ein bißchen Rock'n'Roll und Soul und solche Sachen. Ich spielte auch zusammen mit Luther Allison bei einem Gig, für den eigentlich Magic Sam vorgesehen war, aber Magic Sam starb und sie holten sich als Ersatz Luther Allison. Aber ich glaube, meinen ganz großen Durchbruch hatte ich 1977. Da kam Albert Collins in die Stadt und suchte für Plattenaufnahmen eine Band. Er hörte Jimmy Johnson und Magic Slim, aber keiner dürfte seinen Vorstellungen so richtig entsprochen haben, und da brachte ihn Bruce Iglauer, der Chef von Alligator in den Club, wo ich damals mit meiner Band, der Aron Burton Blues Band, spielte und sagte zu Collins "Versuch's mal mit denen" und Albert hörte uns zu und sagte "Ja, das ist genau das, was ich möchte".
Eine Woche später waren wir bereits im Studio und machten "Ice Pickin". Dieses Album war in meiner Karriere eigentlich wie ein Meilenstein. Von da an habe ich eigentlich so ziemlich mit allen Leuten in Chicago gespielt, auch Mississippi-Sachen usw. Von da an ging es eigentlich kontinuierlich durch bis heute und das bis jetzt letzte Ereignis heuer war für mich das Bluesfestival in Bonn. Ich wollte eigentlich nur einige Tage hier bleiben, um in München meinen Freund George Green zu besuchen, und er war immer noch im Musikgeschäft und erzählte mir, was ich eigentlich in den vergangenen zwanzig Jahren alles versäumt hatte, hier in Europa, während ich in Amerika war. Dann sagte er mir, daß ich unbedingt jemanden treffen rnüßte, eine Bluessängerin, und Toni, ich hörte vorher schon von ihr, kam dann vorbei und wir begannen miteinander zu reden und Toni ... sie ist einfach phantastisch, sie ist eine richtige Bluesperson.
Wenn du den Blues liebst und fühlst, dann bist du eben eine Bluesperson. Als ich Toni traf, da war sie wirklich gut, aber sie hat ihrem eigenen Stil nicht so richtig vertraut, was leider doch recht viele Bluesleute machen. Sie orientieren sich an B.B. King oder Muddy Waters oder Howlin Wolf, das habe ich auch am Anfang gernacht, aber die Leute haben mir dann gesagt “Singe in deiner eigenen Art, das klingt echt und gut". Wenn ich jetzt mit Toni singe, dann ist das echt prima, denn sie versucht wirklich, Toni zu bleiben und es schaut für sie sehr gut aus, denn Toni ist sehr individuell.Toni erinnert mich sehr stark an mich selbst, sie glaubt an sich. In den letzten beiden Monaten habe ich vielleicht zwanzig Bluesmusiker getroffen, echt gute, aber unbekannte Musiker, wie z.B. gestern Fritz, von denen weiß kein Mensch. Es ist irgendwie verrückt.
Nimm beispielsweise auch mich, ich bin im Business seit über zwanzig Jahren, aber ich bin noch immer der Bassist im Hintergrund, ich meine, meinen Namen kennt man schon, aber nicht mich, die Leute assoziieren mich eben hauptsächlich mit Albert Collins. Man muß irgendwie "Lärm" machen, ich meine jetzt nicht musikalischen Krach, sondern ein Album, welches Aufmerksamkeit erregt und von Deutschland aus die Staaten erreicht, daß man auch selbst unter seinem eigenen Namen bekannt wird, ich war so beschäftigt mit Aufnahmen für andere Leute, z.B. James Cotton, John Littlejohn, Valerie Wellington, ich habe vielleicht 8 oder 9 Alben in Ietzter Zeit aufgenommen, aber alle sind immer so beschäftigt, daß sie von mir kaum Notiz nehmen, aber mit der Blueslady Toni Spearman wollen wir beide unsere eigenen Ideen verwirklichen. Von da an können wir zusammen mehr tun, aber dieses Album sollte einmal die besten Sachen beinhalten, die wir zur Zeit machen können. Hier wird man sagen "Ah ja, Toni, die kennen wir", man kennt hier Toni eben besser als mich, und in den Staaten wird es umgekehrt sein, da kennen sie Toni kaum, aber dafür mich. In Europa wird eben durch Toni die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt und in den Staaten ist es eben umgekehrt. Ich hoffe, daß man über dieses Album dann auch in den diversen Magazinen lesen kann. Man soll wissen, daß es uns gibt.
BL: Hast du die Absicht, in Europa zu bleiben?
AB: Ich möchte längere Zeit in Europa bleiben, so, wie Toni schon sagte, ich kann immer nach Hause zurückgehen. Ich habe hier im Business sehr sehr liebe Freunde, ich habe Norma getroffen und Toni und Willy Leiser, welcher ein sehr sehr guter Freund von mir ist und im Oktober gehe ich nach Bern in die Schweiz und habe dort Auftritte, im November habe ich auch schon fixe Engagements und selbst wenn ich zu Weihnachten in die Staaten zurückgehe, komme ich auf jeden Fall danach wieder zurück.
BL: Hast du schon fertige Lieder für das geplante Album?
AB: Das Album ist im Kopf eigentlich schon fertig, wir warten nur mehr auf den Studiotermin, alles sind "Originals", das Material ist in meinem Kopf ja schon seit beinahe zwanzig Jahren fertig und Toni hat auch gute neue Ideen dazu.
TS: Das war so wie in München im Club 'Bei Susan', da kam Aron in die Garderobe und wir probierten ganz kurz zusammen einen Song, das hat vielleicht zwei/drei Minuten gedauert und dann sind wir auf die Bühne gegangen und haben den Song den Leuten präsentiert und wir hatten Erfolg.
AB: Das Album sollte auch gerade dies unterstreichen, es sollte einen Live-Charakter haben, wir wollen nicht vorher stundenlang proben, sondern unsere Ideen spontan verwirklichen. Das ganze Album sollte frisch klingen und nicht einstudiert, das wollen wir nicht, das ist auch nicht unsere Art, aufzutreten. Es ist eigentlich die selbe Art, wie Albert Collins "Ice Pickin'" tat, wir machten absolut keine Proben, wir haben durchgespielt, uns das dann angehört und gesagt, "Okay, das ist ganz in Ordnung". Und das Album sollte nichts anderes sein als gut.
NE: Das ist eigentlich das Schöne an den Beiden, keiner macht dem anderen etwas vor, oder versucht, ihn auszustechen, das Gefühl ist total ehrlich, da gibt es keine Schnörkel, keiner will den anderen überbieten mit irgendwelchen musikalischen Kunststücken, sondern das ist eine perfekte Partnerschaft mit einem puren Sound, und darum gibt es auch keine Arrangements oder stundenlange Proben.
BL: Das ist auch ein großer Unterschied zu den meisten europäischen Bands.
TS: Ja, das wundert mich eigentlich schon, seit ich hierher gekommen bin, die Europäer versuchen, alles perfekt zu machen, es ist alles durcharrangiert bis zum letzten Ton, es gibt absolut keinen Fehler und ist schon so perfekt, daß es schon wieder langweilig ist. Speziell bei Bluesmusik ist es komisch, denn Blues ist doch auch ein Lebensgefühl, und im Leben gibt es nichts Perfektes. Und darum klingt das, was so perfekt aufgenommen ist, irgendwie unnatürlich. Mit Blues kann man nicht perfekt sein, denn jeder sollte eigentlich sein eigenes Gefühl spielen und das ist nicht perfekt. Du mußt so sein, wie du bist und niemand kann dich zwingen, perfekt zu sein. Man kann sich auch nicht trainieren, einen Blues perfekt zu singen. Ich habe einen Song und probiere ihn und dann gehe ich auf die Bühne und wenn ich etwas anderes fühle, dann singe ich den Song auch ganz anders. Jeder hat schließlich das Recht, seine Gefühle auszudrücken und gerade die Bluesmusik ist eine lebendige Musik und wird niemals perfekt sein.
NE: Irgendwie ist es ja geradezu irr, daß ausgerechnet europäische Musiker so viel von den Schwarzen halten und dann dasselbe bringen wollen, aber eben perfekt. Das stimmt einfach nicht zusammen.
AB: Zum Beispiel Lightnin' Hopkins, einmal spielt er sechs "bars", dann wieder neun. Aber ohne es vorher anzukündigen. Wenn dann Musiker mitspielen, dann müssen sie eben fühlen, was zu spielen ist und nicht darauf warten "Aha, an diesem Punkt sollte eigentlich das und das kommen", Blues ist eine spontane Musik und leider Gottes, speziell die Europäer vergessen dies und wollen eher nach einem Schema spielen, nach einem totalen Muster, dann aber spielen sie nicht mehr Blues sondern eben ein Schema herunter.
(Aron wendet sich zu Toni)
Weißt du, wie wir dieses Album taufen werden? "Toni Spearman and Aron Burton - A Love Affair with the Blues".
Man sollte seinen eigenen Stil haben, selbst wenn man den Song immer und immer wieder spielt, muß es noch lange nicht immer dasselbe sein. Beispielsweise wie John Lee Hooker - die Band hat nichts anderes zu tun, als sich auf ihn einzustellen und weiterzuspielen, und darauf zu achten, was er macht. Wenn ich mit John Lee Hooker spiele, dann kann ich nur hoffen, daß ich ihn im richtigen Augenblick erwische. Ich denke nie daran, wie's beim Ietzten Mal war, das ist einfach vorbei, der Funke muß in dem Augenblick überspringen, wo's stattfindet.
TS: Wir spielten in einem Club "Casablanca", und der Manager hat uns gebeten "Kansas City" zu spielen. Ich habe diesen Song mit den "Wetsox" noch nie vorher gemacht, eigentlich überhaupt nicht daran gedacht, wir sind also auf die Bühne gegangen und in diesem Song gibt es drei Strophen und die ersten beiden kannte ich, aber von der dritten hatte ich absolut keine Ahnung, und da habe ich eben die dritte Strophe auf der Bühne improvisiert und es war einfach prima. Aber ich kann nicht sagen "Nein, ich kann das nicht auf der Bühne spielen, denn ich kann die dritte Strophe nicht". Der Vers kommt dann automatisch. Bluesmusik muß eben spontan sein.
BL: Toni, Aron und Norma, wir danken Euch für dieses Gespräch und hoffen, Euch bald "live" erleben zu dürfen.
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Durch elne Information von Blues Life angeregt konnten wir endlich wieder zwei echte Bluesleute im 46er Blues Cafe erleben - die Blueslady Toni Spearman aus New York und den aus Chicago stammenden Sänger und Bassisten Aron Burton, die von Blues Life präsentiert wurden.
Aron Burton kannten wir ja schon von diversen LP's (z.B. Albert Collins), aber die Blueslady Toni Spearman war für uns ein völlig unbeschriebenes Blatt. Gleich die erste Nummer überzeugte uns, es war, ein Slow-Blues, der von Aron Burton gesungen wurde. Wir wußten nicht, daß Aron Burton eine so gute, ausdrucksvolle Stimme hat und gesanglich so ausdrucksstark agiert, denn wir, dachten, daß er "nur" ein großartiger Bassist sei. Zwar machte uns bei der Blues Life-Information schon das eingeblendete Photo darauf aufmerksam, daß er auch gesanglich tätig ist, doch hatten wir ihn noch nie zuvor auf Platte singen gehört.
Überrascht haben uns auch die beiden heimischen Begleitmusiker Fritz Svacina (BluesLife) an der Gitarre und Helmut Miksch (Stormy Monday Blues Group) am Schlagzeug, die sich, wie sich noch im Laufe des Abends herausstel!te, als ganz hervorragende Begleitmusiker aber auch Solisten erwiesen, die das Feeling der beiden Gäste voll übernahmen.
Nach elner kurzen Rückfrage stellte sich heraus, daß nicht einmal geprobt wurde! Wir konnten das kaum glauben, denn das Zusammenspiel funktionierte tadellos und das bestätigte wieder einmal unsere persönliche Ansicht über den Blues - das ist lebendige Musik und das wichtigste ist das "Feeling", über den einen oder anderen ''schrägen Ton'' kann man da schon einmal hinwegsehen, denn schließlich ist das Live-Musik und selbst B. B. King ist “live” nicht lupenrein - wäre auch unnatürlich.
Bereits beim zweiten Stück rief Aron Burton Toni Spearman auf die Bühne und die Blueslady riß mit ihrer Blues-Power vom ersten Ton an das Publikum mit. Nach diesem "You can have my husband, but please don't take my man'' folgte ein mittelschnelles "Everyday I have the Blues", wo auch Aron Burton wieder gesanglich mitmischte. Bereits jetzt waren wir uns bewußt, daß dies ein heißer Abend werden wird und wir hatten recht, denn es folgte ein wunderbarer "Stormy Monday", getragen von Toni's schöner, tiefer, voller Stimme und hier hatte auch der Gitarrist zum ersten Mal Gelegenheit für ein schönes Iängeres Solo. Toni Spearman beeindruckte aber nicht nur durch eine überzeugende Bluesstimme sondern auch durch ihre Bühnenpräsenz.
Sie ist vom ersten Moment an "voll da", hat sofort Kontakt zum PubIikum, braucht keine Anlaufzeit und integriert in ihren Auftritt sowohl PubIikum wie auch Musiker. Sie zieht die Zuhörer vom ersten Ton an auf ihre Seite, versteht es, ihre Mitstreiter immer wieder anzuheizen und gibt ihnen genügend Platz für Solis. Auch Aron Burton erwies sich als perfekter Entertainer, kommentierte witzig und charmant und überzeugte voll und ganz als Bassist. Besonders beeindruckend waren seine gesanglichen Beiträge mit "Born with nothing'' und ''Highway is like a woman'' - seine weiche sonore Stimme und die Art seines Vortrages kamen bei diesen eher schwermütigen Songs voll zumTragen - eine Idealkombination. Die beiden Blueskünstler verstanden es auch, eine absulot perfekte Mischung von Power und Feeling zum Besten zu geben, nach ''Hoochie Coochie Woman'' (übrigens mit einem super-Slide Solo des Gitarristen) und “Baby you don't have to go'' folgte eine Adaption von Lucille Spann's "Dedicated to Otis" - einen Titel, den wir bisher eigentlich nur auf der Ann Arbor Blues Festival-Platte gehört hatten.
Hier stimmte einfach alles - Toni 's ausdrucksstarke Stimme, ein solider Baß von Aron, ein gefühlvolles Gitarrensolo von Fritz und ein sehr beeindruckendes ruhiges Schlagzeug von Helmut. Vom selben Kaliber war auch der Titel "As the year's go passing by", der uns noch lange im Ohr haften blieb. Voll ab ging die Post bei "The Blues is alright”, wo das Publikum kräftig mitsang und das kleine Lokal fast aus den Nähten zu platzen drohte, bei "Mojo Working" waren die Leute dann endgültig nicht mehr zu bremsen und standen auf den Stühlen, klatschten im Rhythmus und sangen mit. Mit "Same old Blues" wurde dann der Abend leider schon punkt 10Uhr beendet. Jedenfalls war das ein Superabend, mit lediglich zwei Minuspunkten - einer Pause, die die Künstler aber zugegebenerweise notwendig hatten, und einen viel zu frühen Ende, denn gefühlsmäßig hätte der Abend - auch aus der Sicht der Musiker - noch stundenlang weitergehen können. Die Stimmnung war so großartig, wie wir sie in diesem Lokal eigentlich noch kaum erlebt hatten und die Musiker, inklusive unserer beiden heimischen Mitwirkenden hatten sicherlich ihr Bestes gegeben, wie der Lokalbesitzer am Ende auch etwas aus der Fassung gebracht durch Mikrofon bekanntgab.
Jedenfalls waren wir nach diesem Abend mit Chicago-Blues voll animiert, auch am darauffolgenden Tag wieder zu kommen und auf die ''Rocky Horror Picture Show", die an diesem Abend im heimischen TV gezeigt wurde, locker zu verzichten. Leider dürften nicht viele "Bluesfreunde" so gedacht haben, denn es waren natürlich weniger Zuhörer gekommen als am Vortag.
Der zweite Tag begann dann etwas aggressiver mit "Don't throw your love on me so strong", zwar schon eine langsamere Nummer aber, mit unheimlich viel Kraft vorgetragen. Aron zupfte seine Baßsaiten etwas schärfer als am Vortag und auch sein Gesang war eine Spur härter und mehr Chicago-like. Auch wurde an diesem Abend ein Wah-Wah-Pedal verwendet (''a brand new Cry Baby Wah Wah", wie Aron Burton erzählte), welches dem Chicago-Stil dieses Abends ebenfalls sehr entgegenkam und als Toni Spearman bei der zweiten Nummer die Bühne betrat, war der Blues-Power perfekt. Überraschend war es auch für uns, daß sich nicht nur der musikalische Stil gegenüber dem Vorabend etwas verändert hatte, sondern daß auch zum Teil andere Songs dargeboten wurden wie z.B. ''One black rat'', “Spoonful'' und ''Ball and Chain''. Der Drummer fügte sich auch nahtlos in das Geschehen ein und die vier Musiker verschmolzen zu einer echten Down Home Chicago Blues Band. An diesem Abend hatte sich der Beginn um eine halbe Stunde verschoben, dafür wurde aber über 22Uhr hinaus musiziert. Die übliche Pause wurde dem Publikum auch diesmal zu lange und klatschend akklamierte es das Wiedererscheinen der Band. Der Gitarrist gab dann dem Drängen nach und trug drei Stücke solo vor und auch dies wurde mit Beifall belohnt.
Danach kam wieder die Band auf die Bühne und gleich nach den ersten Tönen fühlte man sich wieder in einen kleinen Club nach Chicago versetzt, wobei natürlich die Ausstattung des Lokales auch etwas dazu beitrug, speziell die Bilder der Musiker an den Wänden, von denen wir aber einige schon aus Blues Life kannten. Sehr positiv fanden wir auch das Erscheinen von Al 'Fats'' Edwards, der sich aber ganz bescheiden in eine Ecke zurückzog und es war wirklich eine reine Freude ihm zuzusehen - er ging begeistert mit, kannte den Großteil der Stücke schon nach den ersten paar Tönen und schien glücklich zu sein, diese Musik so pur in Wien hören zu können. Uns ging es jedenfalls so und bei der Abschlußnummer kamToni Spearman, die bereits die Bühne verlassen hatte, nochmals zurück und das Publikum jammte abermals mit beim großen Finale “Got my mojo working". Uns bleibt nur zu hoffen, so ein Konzert mit diesen Musikern schnellstens wieder zu erleben, vielleicht sogar in einem etwas größeren Rahmen. Der Eindruck, den Toni Spearman und Aron Burton hinterließen wird jedenfalls noch lange im Gedächtnis bleiben.
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