Es war einer dieser besonders schönen Sonnentage in San Francisco, ein vielversprechender Freitag. Unser Tisch im "Pier 23", Embarcadero, war für den Abend reserviert und wir freuten uns auf ein Wiedersehen mit Patrick Ford, auf den ersten Treff mit James Campbell, Carol´s Bruder, der bei Cool Papa in der Band spielte und der seine schöne Freundin, die Sängerin Denise Perrier ("Blues in the night") mitgebracht hatte .

Aber der Höhepunkt dieses Abends war der Auftritt von FREDDIE ROULETTE, welcher in diesem feinen Club spielen sollte. Freddie´s Erscheinungsbild strahlt schon einen ganz besonderen Zauber aus. Selbst für das liberale San Francisco Area ist Freddie eine Kuriosität - einfach deshalb, weil er sich in kein herkömmliches schematisches Musikbild einfügt.































Quelle:
BLUES LIFE Journal, Fran Svacina, Maria Bainer, Tom Mazzolini and BAS-Journal archive.
Die Doubleneck Lap-Steel-Guitar zählt wohl nicht zu den gewohnten Instrumenten im Blues. Freddie beherrscht dieses Instrument über alle Maßen und seiner Kreativität an tonalen Freudenschreien scheinen keine Grenzen gesetzt. Virtuos mit seinen Melodienbogen zaubert er soundmäßig eine ganze Märchenwelt vor die Augen des entzückten und zahlreich vorhandenen Publikum. Seine Version von „Sleepwalk“, “Georgia on my mind”, “Crosscut saw” und anderen erinnerte stark an sein hervorragendes Album "Sweet Funky Steel". Da Freddie aber ein immer improvisierender Musiker ist, werden auch neue Songs zu Höhepunkten. Seine Begleitband (gtr,vcl; h,vcl; dms) hatte die nötige Routine um auf all die extravaganten Licks einzugehen und bei so manchem alten Bluessong spendete Freddie seine gute, jedoch viel zu zurückhaltende Stimme. Wohlklingend jedes Stück und es bleibt mir ein Rätsel, warum dieser ausserordentliche Musiker nicht schon mindestens ein Dutzend Platten unter eigenem Namen eingespielt hat .

In diesem Club
trafen wir auch Freunde, die Freddie bereits seit zwanzig Jahren die Treue halten und, egal, wo immer er aufspielt, sie sind im Publikum anzutreffen.

Dieser Gig dauerte bis weit über zwei Uhr früh hinaus und die kleinen Ge-spräche, die wir während der Pause mit Freddie führen konnten, waren aufschluss-reich und wir versuchten, einen Termin für ein Interview festzulegen.

Dieses Interview fand drei Wochen nach seinem Auftritt statt, da wir uns in der Zwischenzeit in Los Angeles aufhielten.
Freddie kam direkt von seiner Arbeit bei „Avis“ zu Maria´s Haus und brachte seine berühmte „National” und einen kleinen Bass-Verstärker mit. Dies kleine geplante Gespräch dauerte weitaus länger als wir es uns in unseren kühnsten Träumen erhofft hatten - eine große Zeit für alle und im Laufe des Redens kamen wir weit ab von den herkömmlichen Reporterfragen - es wurde zum Tratsch unter Freunden.

Nach der üblichen Photo- und Video Session gab uns Freddie eine Cassette mit
zwei Aufnahmen aus dem Jahre 1977, die wir natürlich sofort hören mussten. Freddie nannte einen Song "Afro Kay", hier imitiert er mit seiner Lap-Steel-Guitar eine Unzahl von Tierlauten aus dem afrikanischen Busch. Freddie bestreitet dabei den Vokalvortrag, die „animal-steel”, die „back up-steel” und die „solo-steel-guitar”; Glen Frendel ryhtm-gtr & bass; Ted Strong bongo & congas und Tom Ralston, dms, sind die weiteren Musiker bei diesem Tape. Produziert wurde es von Glen Frendel für RPM, Sound Ingenieur war Neil Schwartz und aufgenommen wurde es im Funky Features im August 1977.

Bei diesem Song versteht man sofort, was Freddie Roulette unter seinem so oft
vorkommenden Begriff "audio-Illusion" versteht. Das zweite Stück "Fool on the hill" (Beatles-Song) hat das gleiche Aufnahmedatum und wurde teilweise mit einem Spielzeugklavier eingespielt. Diese Aufnahmen sind künstlerisch genug um zu gefallen. Jedoch fand man bis dato keinen Vertrag. Freddie beweist hier sein ganz besonderes Talent als Arrangeur und seine Einfälle können sich wirklich hören lassen.

In der Zwischenzeit sind wir mit Freddie alleine, Maria holt einen jungen Holländer ab, der sich kurzfristig angesagt hat. Freddie und Fritz sind ein Herz und eine Seele, diskutieren über Kreativität und Freddie istsehr interessiert daran ein Band zu hören, wo Fritz eigene Stücke aufgenommen hat. Beim "Blues for Brenda" (aufgenommen für Spivey Records, New York), passiert dann etwas ganz Unvorhergesehenes: Freddie packt seine Lap-Steel-Gitarre aus und spielt mit, einfach so, als ob das ganz natürlich wäre. Aufmerksam und konzentriert hört er sich in die weiteren Songs ein und bearbeitet sie mit faszinierenden Solo- und Begleitpassagen. Wir sind sprachlos und begeistert von seinem Einfühlungsvermögen. Freddie lacht, "I like it", und spielt weiter. Die vielen musikalischen Parallelen lassen Freddie ausholen und er beginnt, kleine Stories zu erzählen, über Earl Hooker, Big Moose Walker und Harvey Mandel. Letzterer war es auch, mit dem Freddie viele Einspielungen vornahm, der ihn jazzmäßig sehr stark beeinflusste und den er bereits seit Jahren versucht wiederzufinden.

Nun aber zu einigen Informationen über Freddie. Er wurde 1939 am 3. Mai in Evanstone, lllinois, das ist nördlich von Chicago, geboren und in seiner Kindheit hat er, wie so viele andere auch, Musik aus dem Radio gehört. "Als Kind zupfte ich bereits auf der Gitarre und war eigentlich immer angetan von langanhaltenden Tönen und ich mochte sehr Country & Western-Musik. In Chicago zu dieser Zeit konnte man viele Bluesstücke aus den Fenstern hören wenn du durch die Straßen gegangen bist, auch viel Rhythm & Blues ist erklungen. In der C&W-Musik hörte ich immer so ganz eigene Licks, die mir voll in die Seele gingen. Ich besorgte mir eine “6-string-lap-steel-guitar” und hier fand ich diese Töne die mir so gut gefielen."

Call Shaddock war sein Lehrer, er brachte ihm die Grundbegriffe des Gitarrenspiels bei und er war es auch, der ihn dazu brachte, auf die 8-saitige Steelgitarre zu wechseln. "Ich bin bei der Steelgitarre geblieben, weil ich aus einer „normalen“ Gitarre nicht das was ich wollte herausbekam.
Da ich aus Chicago stamme, war ich natürlich immer mit dem Blues konfrontiert und mir hat auch die Aussage der Gitarristen gefallen, aber nicht unbedingt die Art wie sie es gesagt haben. Das war mir zu rau, zu unmelodisch, besonders damals in den Fünfzigern. Diejenigen, die mir am besten gefielen waren B.B. und Albert King und auch Albert Collins. Sie spielten schon anders. Dann hörte ich zufällig im Radio Earl Hooker.
Er war einer der ersten, der Slide an der E-Gitarre spielte und das klang ganz anders als diese alten Delta Sachen, es klang so rein und direkt. Er war wohl der kreativste Gitarrist weit überseine Zeit hinaus. Ich hatte auch das Glück, dass ich ziemlich lange mit ihm zusammenspielen konnte. Ich habe von ihm gelernt und er auch etwas von mir. Wir haben uns beim Spiel gegenseitig beeinflusst."

Freddie greift wieder in die Saiten seiner Doubleneck-Lap-Steel- Guitar und es ertönt aus den kleinen Bassamp ein herrlicher Blues und Freddie lässt Earl Hooker fragen und gibt ihm auf dem zweiten Gitarrenhals die Antwort. Es ist einfach phantastisch, dem zu lauschen und man hat einige Minuten lang einen Einblick, was für eine faszinierende musikalische Zeit die Beiden zusammen hatten. Freddie ist spektakulär, war es immer schon. Geht man heute zurück zu seinen ersten Platteneinspielungen, so stößt man auf "Ten TwoDouble Plus", dieses Stück kann man wohl als ersten “Rap”-Song, der jemals aufgenommen wurde bezeichnen. Freddie ist sich da ganz sicher und stolz darauf. "Das Schlimmste für mich wäre es, das Publikum zu langweilen, und wenn ich an einem Abend immer nur drei Harmonien spielen dürfte, da würde ich die Wände hochgehen. Auch wenn ich nicht solo spiele und die Gruppe im Vordergrund steht, dann verziere ich eben den Background.
Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen um kreativ zu sein." Wie wahr das ist, zeigen seine Platteneinspielungen. Nur ein Album läuft unter seinem Namen, dafür spielt er bei einer beachtlichen Anzahl von Platten als Sideman mit.

Aber auf seine "Sweet Funky Steel" LP ist er heute noch stolz. "Das ist eine richtige “All American” Produktion, aufgenommen in Los Angeles, abgemischt in Chicago und die Photos für´s Cover wurden in New York im Central Park gemacht”, lacht er.

Zu seinen schönsten Erinnerungen gehört
auch die Japan Tournee in den Achtzigern. Aber Freddie hängt nicht an der Vergangenheit fest. Er hat genügend Material beisammen - für mindestens drei Langspielplatten. Nur will er keinem Zwang unterliegen......

Er ist kein Mann für Puristen, dazu hat er zu viele Ideen. Diese Ideen bezieht er aus dem Jazz-, Rock- und Blues-Bereich und ein bisschen C&W ist auch dabei. Freddie rät auch jedem der sich ernsthaft mit Musik beschäftigt, sich das Buch von Nick Tosches "Country" The biggest music in Amerika (1977-ISBN 0-8128-2067-6) zu besorgen und es eingehend zu studieren. Hier werden einem einige Fehlanzeigen in der Bluesgeschichte klar.

Der Katzenliebhaber ("einmal, da hatte ich über dreißig, kannte alle mit Namen"), hält von Puristen sowieso nichts, liebt jede gut arrangierte und klanglich überzeugende Musik und wir freuen uns bereits jetzt schon auf ein Wiedersehen.

Fritz Svacina
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